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Computereinsatz im Gesangunterricht
von Dr. Josef Pilaj


Ein Bericht über das Studio für Stimmanalyse und Feedback an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz "Phänomen Stimme" so lautete der Titel eines Seminars für Sänger und Gesangspädagogen an der Musikuniversität Graz. Und ein Phänomen scheint die Stimme trotz langer Gesangstraditionen und relativ junger Forschung noch immer zu sein. Was macht den Sänger aus? Warum ist eine Stimme behaucht oder knödelig? Warum klingt mancher Sänger im kleinen Raum so laut, ist aber im großen Saal kaum zu hören? Die Stimmforschung hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche Fragen wissenschaftlich zu beantworten und mittels Computerprogrammen Lösungsmöglichkeiten für den Gesangsunterricht anzubieten. Hier ein kleiner Ausschnitt der Möglichkeiten anhand praktischer Beispiele: Das Programm "VoceVista" will die Stimme sichtbar machen und bedient sich der Frequenzanalyse, durch die man Aufschlüsse über die Tragfähigkeit, den Obertonreichtum, den Vokalausgleich, Registerausgleich und die Übergangstöne erhält.

Ein praktisches Beispiel: Ein Schüler singt mit sehr viel Kraft und Druck, weil ihm das subjektiv das Gefühl von großer Lautstärke gibt. Die Frequenzanalyse beweist aber klar, dass der für die Tragfähigkeit ausschlaggebende "Gesangsformant" in der Analyse nicht aufscheint. Durch Übungen wird nun der Lehrer versuchen, den Schüler zu einem leichteren Stimmansatz zu führen und die Veränderungen am Computer zu überprüfen. Die Analyse kann beweisen, dass mit geringerem Druck eine bessere Tragfähigkeit erzielt wird (siehe Abb. 1). Natürlich wird das Ziel ( perfekter Gesangsformant) nicht in wenigen Stunden erreichbar sein, aber der Schüler hat die Möglichkeit, seine Fortschritte kontinuierlich zu überprüfen. Auch das Üben außerhalb der Gesangsstunde wird wesentlich erleichtert, da der Schüler nicht nur ein sehr subjektives Körpergefühl wiederempfinden muss, sondern durch die Frequenzanalyse klar sieht, ob der aktuelle Output mit jenem der Gesangsstunde übereinstimmt oder nicht. Merkt der Schüler, dass er das Ergebnis der Stunde nicht erreicht, kann er sich selbständig fragen, woran es liegt und solange verschiedene Möglichkeiten der Stimmgebung probieren, bis er das gewünschte Ergebnis erzielt. So kann gewährleistet werden, dass der Schüler lernt, selbständig zu arbeiten und die Arbeitsweise auch kognitiv zu verstehen, anstatt einfach nur zu singen, ohne zu wissen, warum der Ton einmal gut ist, und ein anderes mal nicht.

Ein weiteres Beispiel für den Vorteil eines Computerfeedbacks wäre der Fall eines Schülers, der unbedingt im dramatischen Fach singen möchte, während der Lehrer die Stimme als lyrisch einstuft. Mittels Glottogramm kann der Lehrer überprüfen, ob die Dauer des Stimmlippenschlusses auf eine lyrische oder eine dramatische Stimme hinweist, da die Verschlussdauer einer lyrischen Stimme wesentlich geringer ist als die einer dramatischen. Auch behauchte Stimmgebung kann so aufgezeigt und verbessert werden, da der Computer einen unvollständigen Stimmschluss deutlich sichtbar ausweist und jede kleinste Veränderung und Ungenauigkeit registriert.

Besonders bei Anfängern hat sich die Zuhilfenahme des Computers sehr bewährt, da der Schüler nicht nur auf subjektive Bilder und Gefühle angewiesen ist, sondern auch eine optische Überprüfung hat. Eine amerikanische Studie konnte beweisen, dass Schüler mit Hilfe des Computers verschiedene Ziele der Stimmbildung ( z.B. leichter Ansatz, richtiger Stimmlippenschluss, Tragfähigkeit ) wesentlich schneller erreichen konnten als eine Vergleichsgruppe ohne Computer.

Das Ziel aller Methoden und Programme ist auf eine Formel zu bringen: "Maximale akustische Wirkung bei minimalem physiologischen Aufwand." Dass diese Formel vor allem für die "klassische" Stimmbildung gilt, ist klar, denn die Popularmusik setzt auf Mikrofontechnik und macht behauchtes und gebrochenes Singen (a la Joe Cocker) zum Stilmittel. (* Was aber nur in einem sehr begrenztem Tonumfang möglich ist. Wer mehr will muß die Funktionen der Stimme wie beschrieben beachten. )

* Anmmerkung der Redaktion