Stimmbildung.com     stimmbildung
Eine Aufsatzsammlung     
zusammengestellt von Hajo B. Belton, www.gesang.net    


Funktionales Stimmtraining 1
von Anne Ciba


Einführung

Ein Forschungsprojekt am Institut für Arbeitswissenschaft der TH Darmstadt befaßt sich seit 1980 mit dem Arbeitsaufwand des Kunstgesangs. Prof. Eugen Rabine und Gisela Rohmert entwickelten in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen eine Methode der Gesangspädagogik, die auf den Erkenntnissen dieser Forschung aufbaut und die Möglichkeit bietet, das funktionale, d.h. das "richtig funktionierende, gesunde" Singen zu erlernen. Dabei werden Stimmübungen mit Körperbewegungen und Wahrnehmungstraining gekoppelt. Gedacht ist diese Methode für den Einzelunterricht und für Menschen jeden Alters. Ihre Betonung des körperlich gesunden, funktionalen Bewegungsablaufes und die stets damit verknüpfte Atemschulung machen sie auch für die Arbeit in Chören sehr wertvoll. Man kann sozusagen mit dieser Art Stimmbildung "nichts verderben", sondern mit relativ geringem Aufwand viel erreichen. Allerdings läßt sich das Funktionale Stimmtraining nur sehr schwer zweidimensional (auf Papier) beschreiben, da das Hören und Sehen, das Miterleben wichtige Faktoren sind.

Die Teilfunktionen der Stimmfunktion Um die Wirkungsweise des Funktionalen Stimmtrainings zu verstehen, ist es notwendig, einen gewissen Einblick in die Vorgänge zu haben, die sich während des Singens (und auch sonst) in unserem Körper abspielen. Betrachten wir also - möglichst knapp - die drei Teilfunktionen der Stimmfunktion: Atmung, Kehlkopf und Vokaltrakt.

Die Atmung

Anatomie Der Atemapparat besteht aus Lunge, Bronchien und Luftröhre. Die Hauptaufgabe der Atmung ist der lebensnotwendige Gasaustausch, die Versorgung des Blutes mit Sauerstoff. Sekundär ist die Aufgabe der Lauterzeugung.

Die Luftröhre ist ein ca. 12 cm langer Schlauch, der den Rachenraum mit der Lunge verbindet und sich am unteren Ende in die Bronchien aufspaltet, welche sich weiter verästeln, um die Luft besser verteilen zu können. Die Lungen sind paarig angeordnete, schwammige Organe, die beim Einatmen gedehnt werden und sich beim Ausatmen durch die Rückstellkraft des elastischen Materials passiv wieder zusammenziehen, vergleichbar einem Luftballon. Jeder Lungenflügel ruht in einem Sack, dem Lungenfell, welches, nur durch den Pleuraspalt getrennt, am Brustfell anliegt. Dieses wiederum ist mit dem Zwerchfell und der Innenseite der Brustwand verwachsen. Das Zwerchfell ist ein kuppelförmiger Muskel, der Brust- und Bauchhöhle voneinander trennt. Es ist der wichtigste Einatemmuskel, denn es kann das Volumen der Brusthöhle um bis zu 80% vergrößern.

Funktion

Wie funktioniert nun eigentlich die Atmung? Das Gehirn sendet einen Impuls ("Sauerstoffmangel!") über die Nerven an die Einatmungsmuskulatur. Das Zwerchfell kontrahiert, flacht dabei seine Kuppel ab und drängt die Baucheingeweide nach unten. Gleichzeitig heben die äußeren Zwischenrippenmuskeln die Rippen an. Dadurch erfährt der Brustkorb eine Erweiterung nach allen Seiten. Die Lungen werden durch Adhäsionskräfte und den luftleeren Raum des Pleuraspalts gezwungen, diese Volumenänderung nachzuvollziehen, und erweitern sich ebenfalls, wodurch in ihnen ein Unterdruck entsteht, der durch die einströmende Atemluft ausgeglichen wird. Die ruhige Ausatmung ist ein weitgehend passiver Vorgang, bei dem der Brustkorb durch elastische Rückstellkräfte in seine Ausgangsstellung zurückgeführt wird. Funktionsschema der Atmung

Der Kehlkopf

Anatomie Der Kehlkopf ist am Eingang der Luftröhre beweglich zwischen Muskeln und Bändern aufgehängt. Er setzt sich im wesentlichen aus drei Knorpeln zusammen: Ringknorpel, Schildknorpel und Kehldeckel. Seine Hauptaufgabe ist die Ventilfunktion, d.h. Öffnung für die Atmung und Schließung z.B. zum Schutz vor Fremdkörpern. Beim Schlucken legt sich der Kehldeckel über den Kehlkopf und verhindert somit, daß Nahrungsteile in die Luftröhre gelangen. Ringknorpel und Schildknorpel sind beweglich miteinander verbunden. Im Kehlkopf sind waagerecht die beiden Stimmlippen ausgespannt: An der Spitze des Schildknorpels (Adamsapfel) sind sie zusammen angewachsen. Die beiden anderen Enden sind jeweils mit einem der Stellknorpel verbunden, die beweglich auf dem hinteren Höcker des Ringknorpels sitzen. Diese Stellknorpel sind nun in der Lage, durch ihre Bewegungen die Stimmlippen zu öffnen oder zu schließen. Die oberen inneren Anteile der Stimmlippen sind die Stimmbänder, die Ritze zwischen ihnen wird Stimmritze oder Glottis genannt.

Funktion

Wird nun vorne der Schildknorpel in Richtung Ringknorpel gekippt, so vergrößert sich der Abstand zwischen Adamsapfel und Stellknorpeln. Das bedeutet: Die Stimmbänder werden gedehnt und gespannt, der Ton wird höher. Der Muskel, der das bewerkstelligt, sitzt außen am Kehlkopf und heißt "musculus cricothyreoideus" (Ring-Schildknorpel-Muskel). Der zweite wichtige Kehlkopfmuskel liegt in den Stimmlippen und heißt "musculus vocalis" (Stimm-Muskel). Er ist für die Verdickung der Stimmbänder und somit für die Lautstärkeregelung zuständig. Funktionsschema des Kehlkopfs

Unterdruckfunktion

Über den Stimmlippen liegen nochmals zwei Gewebefalten, die Taschenfalten, auch "falsche Stimmlippen" genannt. Die Stimmlippen und die Taschenfalten bilden ein Ventilsystem für die Luftröhre. Dieses Ventilsystem ist eng an die Atemmuskulatur gekoppelt. Die Stimmlippen arbeiten mit den Einatemmuskeln zusammen und schließen sich nach großer Einatmung reflexmäßig, um den Schultergürtel für Armaktivitäten beim Heben des eigenen Körpers zu stabilisieren: Klimmzug, Hangeln, Klettern usw. (Unterdruckfunktion). Für das Singen sind daher die große Einatmung und die Beibehaltung der Einatemtendenz von grundlegender Bedeutung; sie können durch gezielte Armbewegungen gefördert werden.

Überdruckfunktion

Mit den Ausatemmuskeln sind die Taschenfalten verbunden. Sie werden bei forcierter Ausatmung - mangels eigener Kraft - von anderen Muskeln geschlossen und stellen in der Lunge einen Überdruck her, der den Rumpf zur Kraftanwendung vom Körper weg stabilisiert: Heben, Stoßen, Schlagen, Treten usw. Diese Überdruckfunktion und das Schließen der Taschenfalten sind zum Singen äußerst ungünstig, da der ganze Körper in eine gespannte, festgehaltene Lage gebracht wird und die Beweglichkeit - besonders im Hals- und Rachenbereich - stark eingeschränkt ist (Heben Sie mal ein Klavier, und versuchen Sie, dabei zu singen!)

Stimmfunktion

Wie entsteht nun also der Ton? Die aus der Lunge ausströmende Luft versetzt die Stimmlippen, sofern sie vorher einander angenähert wurden, in Schwingung und erzeugt so einen Klang. Das Singen geschieht also bei der Ausatmung, erfordert demnach einen gewissen Überdruck unterhalb der Stimmlippen. Aus dem oben Gesagten wissen wir aber, daß für deren reflexmäßige Schließung sowie für die Flexibilität des ganzen Apparates die Unterdruckfunktion von großer Wichtigkeit ist. Machen wir uns einmal klar: Im Kehlkopf brauchen wir die Unterdruckfunktion, für die Atmung und Tonerzeugung brauchen wir jedoch einen gewissen Überdruck (Ausatmung). Es kommt also darauf an, während des Singens den Brustkorb weit und beweglich zu halten - wie bei der Einatmung (Einatemtendenz) -, um so eine Balance zwischen Ein- und Ausatmung herzustellen. Das Überwiegen der Überdruckfunktion würde den Kehlkopf festhalten, die Tätigkeit der inneren Kehlkopfmuskeln stören und so eine gesunde Stimmfunktion unmöglich machen.

Der Vokaltrakt

Der Vokaltrakt umfaßt den gesamten Rachen- und Mundraum von den Stimmlippen an aufwärts. Seine Hauptaufgabe ist der Transport von Nahrung und Atemluft. Die sekundäre Funktion ist die der Resonanz und Artikulation. Anatomie und Funktion Der im Kehlkopf entstandene Primärklang erfährt im Vokaltrakt eine Veränderung durch Verstärkung oder Abdämpfung einzelner Frequenzen. Größe und Form des Vokaltraktes sind sehr veränderlich: Die Kehlkopfstellung bestimmt seine Länge, die Beweglichkeit von Mundraum (Zunge, Kiefer, Lippen) und Rachenraum beeinflußt seine Form. Für den Gesang sollte der Vokaltrakt möglichst groß und weit sein, das bedeutet: elastisch tiefgestellter Kehlkopf, entspannte Rachenringmuskulatur, öffnungsbereiter Unterkiefer und bewegliche Zunge. Soll dieses Ideal durch willentliche Einschaltung von Muskeln erreicht werden, führt dies zu Verspannungen und bewirkt eher das Gegenteil. Der beste Zugang zur optimalen Einstellung des Vokaltrakts führt über die Wahrnehmung, die im Laufe des Trainings geschult und sensibilisiert wird, so daß sie regulierend wirken kann: Oft genügt schon das Wahrnehmen einer Spannung, um sie zu lösen.