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Eine Aufsatzsammlung     
zusammengestellt von Hajo B. Belton, www.gesang.net    


Funktionales Stimmtraining 2
Anne Ciba


Eine erste Zusammenfassung

Fassen wir noch einmal zusammen: Die Stimmfunktion ist eine Systemeinheit bestehend aus Atemapparat als Energielieferant und -regler Kehlkopf als Vibrator Vokaltrakt als Resonator und Artikulator Diese drei Teilfunktionen stehen in Wechselwirkung zueinander. Ziel der Arbeit ist es, die drei Teilsysteme optimal aufeinander abzustimmen.

Begründung des Funktionalen Stimmtrainings
Wer sich die bisher genannten anatomischen Gegebenheiten vor Augen führt, wird verstehen, daß die menschliche Stimme ein recht kompliziertes und empfindliches System ist, das sich nicht nur auf ein Organ, den Kehlkopf, beschränken läßt. Schon im engeren Umfeld, dem Rachen- und Mundraum existieren vielfältige Abhängigkeiten. Berücksichtigen wir noch die Tatsache, daß alle Atemmuskeln mit Ausnahme des Zwerchfells gleichzeitig Körperhaltungs- und Bewegungsmuskeln sind, so wird vielleicht noch eher klar, welche Zusammenhänge gerade zwischen Bewegung und Stimme bestehen: Jede scheinbar noch so unbedeutende Bewegung (z.B. das Drehen der Daumen) hat Auswirkungen bis hinein in den Kehlkopf.

Beispielsweise werden Muskelaktivitäten von Laien- und von Berufssängern bewußt eingesetzt, um Einfluß auf die Stimme zu nehmen (man denke nur an die Anweisungen "In die Maske singen!", "Lächeln!", "Zwerchfell unten halten!", "Po Zusammenkneifen!" u.ä.). Diese Maßnahmen können zwar vorübergehend und für eine begrenzte Tonlage möglicherweise den gewünschten Klang herstellen (lauter, höher, metallischer), verhindern aber immer ein gesundes Funktionieren der Stimme insgesamt sowie die Entwicklung des ihr eigenen Timbres und führen schließlich zu vorzeitiger Ermüdung, zu Schrillheit oder Rauheit der Stimme oder sogar zu Stimmschäden.

Die Orientierung an einem bestimmten "Idealklang" birgt immer die Gefahr von Einseitigkeit. Das Funktionale Stimmtraining geht nicht von einer solchen ästhetischen Prämisse, sondern von den physiologischen und funktionalen Gegebenheiten der menschlichen Stimme aus, die von Wissenschaftlern verschiedenster Art in jahrelanger Arbeit eingehend erforscht wurden. Dabei wurde herausgefunden, daß Kunstgesang für den Körper Schwerarbeit darstellt, und es wurden Methoden entwickelt, diese Arbeit so effektiv wie möglich zu machen.

Die Methode

Zusammenhänge erleben Die Vorgehensweise des Funktionalen Stimmtrainings ist etwa folgende: Zunächst werden die Abhängigkeiten zwischen Körperhaltung, Bewegung und Stimmfunktion anhand von Übungen erlebbar gemacht. Beispielsweise singt man eine einfache Tonfolge mehrmals - ohne Armhebung und mit Armhebung - und vergleicht die Empfindung beider Versionen. Diese erste Trainingsstufe konzentriert sich auf die Koordination aller Stimmuskeln mit den Muskeln der Körperbalance, d.h. Koordination der Stimme mit den Einatemmuskeln, den Schließmuskeln der Stimmlippen und der Kehlkopfsenkermuskulatur. Die genannten Bereiche zu stimulieren ist die Aufgabe von zunächst großen Bewegungen wie Klimmzug, Windmühle, Arme seitlich heben u.ä.

Bei Körperübungen gibt es fünf große Anwendungsziele:

Förderung des rhythmischen Gefühls
Tonusaufbau der beteiligten Muskeln (Atmung, Kehlkopf, Vokaltrakt)
Feinabstimmung und Unabhängigkeit der beteiligten Muskelaktivitäten
Ausschaltung störender Aktivitäten
"Neuprogrammierung" von Bewegungsmustern

Wahrnehmung

Dabei wird immer angestrebt, daß optimale Voraussetzungen zum Singen sich einstellen, ohne daß wir etwas einstellen. Beispiel: Ein Klimmzug beim Einatmen oder auch noch beim Singen bewirkt, daß der Brustkorb sich weitet, die Einatemtendenz beibehalten wird und die Bauchmuskeln nicht pressen können. Wird zusätzlich noch der Unterkiefer geöffnet und auf den Vokal "A" eingeatmet, so ergeben sich wie von selbst der elastisch tiefgestellte Kehlkopf und der weite Vokaltrakt. Entscheidend ist dabei, daß der Schüler/die Schülerin mit der Zeit die Eigenwahrnehmung schult und lernt, sich daran zu orientieren: Nur der Klang, bei dessen Erzeugung wir uns wohl fühlen, ist funktional und klingt gleichzeitig gut. Wurde ein funktionales Gefühl entwickelt, so kann es bald in allen Stimmparametern zum Tragen kommen: laut-leise, hoch-tief, langsam-schnell u.s.w.

Vokale

Das Funktionale Stimmtraining geht zunächst vom Vokal "A" aus, der für die sängerische Form des Vokaltraktes die beste Voraussetzung bietet. Es kommen die Vokale "O" und "U" hinzu, bei denen hauptsächlich die Lippenrundung verlangt ist. Diese Vokale werden nicht nur für den Gesang, sondern auch für die Einatmung benutzt. Später folgen die Zungenvokale "E" und "I". Die Bildung der Konsonanten verlangt ein hohes Maß an Beweglichkeit; sie sind Gegenstand späterer Trainigsphasen.

Differenzierung

Der Schwerpunkt des fortgeschrittenen Übungsstadiums liegt auf der Differenzierung: Das rhythmische Zusammenspiel von Kehlkopf- und Atemmuskeln soll nun unabhängig von Körperhaltung und -bewegung vor sich gehen.
Dies ist etwa für Opernsänger und -sängerinnen sehr wichtig, die ihre Bewegungs- und Mimikmuskulatur für den schauspielerischen Ausdruck brauchen, die aber leider oftmals gezwungen sind, eine unpassende Haltung oder Mimik anzunehmen, weil sie sonst beispielsweise das "hohe C" nicht singen können. Auch auf der Konzertbühne macht es einen überzeugenderen Eindruck, wenn der Gesichtsausdruck des/der Vortragenden von der Interpretation des Stückes und nicht von Verspannungen bestimmt wird.

Aber nicht nur aus diesen Gründen ist das Erlernen der Unabhängigkeit so wichtig. Verdeutlichen wir uns nochmals, wie fein und empfindlich der Kehlkopf aufgebaut ist - handelt es sich doch stets um Millimeterarbeit - so wird klar, daß die großen und groben Muskeln wie Rachenring-, Kau-, und Bauchmuskeln eine solche Feinregulierung nur allzu leicht stören können. Da wir jedoch fast alle liebgewordene Gewohnheiten - auch beim Singen - haben, gilt es, ungünstige Verhaltensweisen allmählich durch günstigere zu ersetzen. So werden den großen Muskeln ihnen angemessene Bewegungen aufgetragen, allerdings nur solche, die hilfreich für die Stimmfunktion sind. Dadurch wird den Kehlkopfmuskeln ihre Arbeit ermöglicht. Die Bauchmuskulatur etwa ist viel zu groß und undifferenziert, um den Luftdruck unterhalb der Stimmlippen richtig dosieren zu können. Sie wird aber oft übermäßig angespannt und verhindert so eine flexible Atmung. Die Bauchmuskeln sollten lediglich für den langsamen Ausgleich des Entspannungsdrucks sorgen, während die Zwischenrippenmuskeln für die Beibehaltung der Einatemtendenz und für kurzfristige Druckänderungen verantwortlich sind und die Stimmlippen selbst, die mit einer hochsensiblen Schleimhaut ausgerüstet sind, die Feinstregelung übernehmen.

Es ist also immer ein bewegliches Zusammenspiel der Muskeln gefragt, niemals ein starres Festhalten. Hat man schließlich die Unabhängigkeit der Stimmfunktion gelernt, so kann man auch wieder auf große Bewegungen verzichten; die großen Muskeln werden ihren kleineren Kollegen nicht mehr "ins Handwerk pfuschen". Dieses Ziel ist natürlich weit und wird schrittweise erreicht: von großen zu kleinen Bewegungen, in der Wahrnehmung von außen nach innen.

Wie sieht nun also das Idealbild funktionalen Singens aus?

Ziele

Der Brustkorb ist geweitet und die Einatemtendenz wird beibehalten. Der Kehlkopf ist elastisch tiefgestellt. Der Vokaltrakt ist offen und beweglich. Störende Aktivitäten sind ausgeschaltet. Die Zunge ist beweglich. Alle beteiligten Muskeln sind kräftig und flexibel. Die/der Singende ist in der Lage, Lautstärke, Tonhöhe, Vokalfarbe, Artikulation u.s.w. unabhängig voneinander zu regulieren; die Stimmfunktion ist so unabhängig, daß Körperhaltung und -bewegung als Ausdrucksmittel genutzt werden können.

Hilfen

Das Erreichen dieser Ziele kann unterstützt werden z.B. durch :
zu 1. Seitliches Heben der Arme, Windmühle, Strecken, Klimmzug; Atmen auf "A"
zu 2. Lockeres, weites Öffnen des Mundes, leichtes Heben des Kopfes, Atmen auf "A"
zu 3. Alle Übungen mit Kieferöffnung und Lippenrundung, Glissandoübungen, Vokalwechsel
zu 4. Ausgewählte Bewegungen, z.B. Gehen, hohe Schritte, Auflegen eines Fingers auf den Mund
zu 5. Übungen mit Zungenbewegung: z.B. a-ä-a
zu 6. Fleißiges Üben, körperliches Training, besonders "Bruststimm"-Übungen: z.B. a-o-a
zu 7. Alle Arten von Übungen, die die unter 1.-6. genannten Voraussetzungen schaffen helfen; fortschreitend von großen zu kleinen Bewegungen, von Abhängigkeit zu Unabhängigkeit unter ständigem Wechsel der Parameter.

Die genannten Hinweise und Hilfen können und wollen nur Beispiele sein, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit und generelle Anwendbarkeit erheben, denn natürlich richten sich Art und Umfang der Übungen ganz nach den individuellen Bedürfnissen des Schülers bzw. der Schülerin.



Copyright 2001 Anne Ciba, Certified Rabine Teacher
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