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Eine Aufsatzsammlung     
zusammengestellt von Hajo B. Belton, www.gesang.net    


Überblick über das Speech Level Singing 2
von Seth Riggs


Wenn man beim Singen eine gute Haltung aufrechterhält und darauf achtet, die Brust beim Ausatmen nicht einfallen zu lassen, ist der Bauch in der Lage, sich frei zu bewegen und wird von den Bauch-muskeln automatisch gesteuert. Es besteht keine Notwendigkeit, bewusst Spannung in diesen Muskeln zu erzeugen. Wenn man versucht, beim Singen die Brustmuskeln bewusst zu kontrollieren, führt die zusätzliche Spannung im Körper nur dazu, dass die Stimmbänder überspannt sind - und blockieren. Es ist nur sehr wenig Luft nötig, um einen guten Ton zu erzeugen. Selbst für einen lauten Ton muss die benötigte Luftmenge nur gerade so groß sein, dass die Schwingung in den Stimmbändern unterstützt wird - nicht mehr und nicht weniger - so dass der Ton ohne Mühe und Anstrengung erzeugt wird. Genauso wie der Versuch, die Brustmuskeln zu kontrollieren, führt auch der Versuch, zu viel Luft einzuatmen, dazu, dass sich die Stimmbänder verkrampfen. Der Grund ist, dass beim Singen die Stimmbänder instinktiv die gesamte Luftmenge, die ihnen entgegengebracht wird, zurückhalten (oder zumindest versuchen, sie zurückzuhalten), und je mehr Luft ihnen entgegengebracht wird, desto mehr Spannung müssen die Stimmbänder aufbauen, um sie zurückzuhalten.

Bekanntlich hat man die richtige Unterstützung beim Atmen, wenn Luft und Muskeln sich im Gleichgewicht befinden. Dann gibt es ein gemeinsames und gleichzeitiges Zusammenspiel zwischen der richtigen Luftmenge und der richtigen Einstellung der Stimmbänder.

Ein Nebenprodukt der Resonanz ist das Erzeugen körperlicher Empfindungen beim Sänger. Tiefe Töne spürt man, als ob sie sich im Hals und im Mund befänden, und können manchmal sogar in der Brust verspürt werden - daher der Begriff Bruststimme. Je höher man singt, desto mehr spürt man (wenn man richtig singt), wie die Stimme den Hals und den Mund verlässt und immer weiter hinter das Gaumensegel geht, bis man schließlich das Gefühl hat, dass sie hinten aus dem Kopf herausgeht - daher der Begriff Kopfstimme. Die körperlichen Empfindungen beim Singen haben jedoch nichts damit zu tun, was der Zuhörer tatsächlich hört. Sie können allerdings dabei helfen, den richtigen und konsequenten Gebrauch der Stimme zu üben.

Die meisten Sänger strengen ihre Muskeln beim Singen übermäßig stark an. Muskeln, die der Körper normalerweise beim Kauen und Schlucken von Nahrung benutzt, und um den Mund weiter zu öffnen, wenn man schnell Sauerstoff in die Lungen pumpen will, werden benutzt, um den Kehlkopf zu manipulieren - ihn nach oben oder unten zu drücken. Damit soll eine schwierige Tonhöhe erreicht, die Tonintensität verstärkt oder die Tonqualität "verbessert" werden. Wir nennen diese Muskeln äußere Muskeln, weil sie sich außerhalb des Kehlkopfes befinden. Jedes Mal, wenn man seine äußeren Muskeln irgendwie zur Kontrolle der eigenen Stimme einsetzt, verhindert man jedoch das freie Schwingen seiner Stimmbänder im Kehlkopf und verändert das Verhältnis (und den Gesamtzustand) der Resonanzräume oberhalb des Kehlkopfes. Das Ergebnis ist ein schwerer und unausgeglichener Klang.

Nur wenn der Kehlkopf sich in einer entspannten, stabilen Lage befindet, können die Stimmbänder sich leicht an den Atemluftstrom anpassen, um die Höhe und Intensität des Anfangstons zu erzeugen. Und nur wenn der Kehlkopf sich in einer entspannten, stabilen Lage befindet, wird der endgültige Klang ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen hohen, mittleren und tiefen harmonischen Eigenschaften aufweisen - wie eine gute Stereoanlage - so dass man bei tiefen Tönen nie dumpf und bei hohen Tönen nie prasselnd oder pressend klingt.

Es gibt sogar noch einen weiteren wichtigen Grund, weshalb der Kehlkopf von den äußeren Muskeln unbeeinflusst bleiben muss. Viele dieser Muskeln sind nämlich an der Bildung von Sprechlauten beteiligt, und ihr störender Einfluss auf den Tonbildungsprozess hat unvermeidbar auch eine Störung des Wortbildungsprozesses zur Folge. Es ist schwierig, Vokale und Konsonanten zu bilden, wenn die Muskeln, die zum Beispiel die Bewegung von Kiefer und Zunge kontrollieren, auch den Gesang kontrollieren wollen. Deshalb ist die Stimmerzeugung mit den Muskeln außerhalb des Kehlkopfes ein hoffnungs-loser Kampf, in dem sowohl der Klang als auch das Sprechen die Opfer sind.

Im Allgemeinen ist es so, dass die äußeren Muskeln beim ruhigen, bequemen Sprechen nicht mit dem Kehlkopf in Konflikt geraten, weil man nicht primär auf den Ton sondern auf die Kommunikation ausgerichtet ist. Deshalb darf der Kehlkopf in einer relativ stabilen Lage verbleiben, die wir Speech Level (Sprechlage) nennen. Dies ist die ideale Bedingung oder Haltung der Stimme für das Singen.