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Eine Aufsatzsammlung     
zusammengestellt von Hajo B. Belton, www.gesang.net    


Dimensionen der Atmung
von Prof. Sigrid Agocsi, London

Jede kleinste Ueber-spannung, egal welchem Muskel wir sie zumuten, blockiert nicht nur
1. die Durchblutung, und damit die Sauerstoffversorgung unseres Koerpers, die mit der Atmung gekoppelt ist, sondern
2. auch (hoerbarer)die Stimme, und beeintraechtigt so
3. die Qualitaet unserer Bewegungen und Klangerzeugung. In meinen Fortbildungskursen fuer Gesang- und Instrumentallehrer und Stimmheilkundlern stelle ich immer wieder fest, dass sogar Spezialisten, die um die Physiologie eigentlich wissen sollten, leider oft nicht einmal die Grundzuege des Atemgeschehens kennen oder gar beschreiben koennen. Darum moechte ich hier den Atemablauf einmal kurz und vereinfacht skizzieren:

Der Sauerstofftransport geschieht durch das Blut. Haben wir zu wenig Sauerstoff im Blut, wird der Nervus Vagus, der fuer die Atmung zustaendige Nerv im Gehirn, darueber informiert. Er sendet daraufhin schleunigst einen Impuls an das Zwerchfell.

Das Zwerchfell ist der groesste Muskel im Koerper und trennt die Brust- von der Bauchhoehle. In der Ruhelage ragt das Zwerchfell kuppelfoermig in den Brustkorb hinauf. Durch den Impuls vom Nervus Vagus wird es nach unten in den Bauchraum abgesenkt, wo es die Eingeweide nach vorn und die unteren beiden Rippenpaare, die nicht mit der Wirbelsaeule verwachsen sind, zur Seite drueckt. Man kann das Zwerchfell nicht direkt spueren, aber dafuer die leichte Woelbung der Bauchdecke nach vorn und das Weiten der Flanken und des Brustkorbes.

Durch die Weitung des Brustkorbs koennen sich nun auch die Lungen ausdehnen, die sich mit der waehrenddessen neu eingestroemten Luft fuellen. Die Luft sollte immer durch die Nase einstroemen, da sie dort von den kleinen Haaren gefiltert, und in den Nebenhoehlen vorgewaermt und angefeuchtet werden kann, bevor sie dann die Lunge erreicht. Diesen, ohne unser aktives Zutun stattfindenden, Vorgang bezeichnen wir als Einatmung.

Bei der Ausatmung bewegt sich das Zwerchfell wieder nach oben in seine kuppelfoermige Ausgangsstellung. Die Bauchdecke wird wieder flach, und der Brustkorb und die Flanken bewegen sich in ihre normale Position zurueck.

Damit sich die Atmung von alleine vollziehen kann, duerfen wir alle Muskelablaeufe nur mit so viel Aufwand ausfuehren, wie tatsaechlich noetig ist. Sobald wir irgendwo im Koerper ueber-spannt sind (zu entspannt sind heutzutage nur sehr wenige Menschen), werden, wie schon gesagt, die Atmung, die gesamte Bewegungskoordination und die Resonanz beeintraechtigt durch den Exzess-Sauerstoff, den der Koerper nicht mehr ohne weiteres abbauen kann. So entstehen spuerbare Verhaertungen, die u.a. den Koerperklang beeintraechtigen und deren wir uns dann nur mit Hilfe von Tiefengewebe-Massagen wieder muehsam entledigen koennen.

Die beste Uebung fuer die Atmung ist, sich aller seiner ueber-spannten Bewegungen und Haltungen im Alltag bewusst zu werden, und jede noch so kleine Alltagsroutine nur mit so viel Aufwand auszufuehren, wie noetig ist fuer eine bestimmte Bewegung.

Wenn wir nur jeden Tag eine halbe Stunde Uebungen fuer die Atmung und/oder Stimme ausfuehren, aber unseren Koerper den Rest des Tages schlecht behandeln, koennen wir uns die Uebungszeit gleich sparen. Aber wenn wir den ganzen Tag im Wohlgefuehl schwelgen, das uns eine ausgeglichene Bewegungskoordination schenkt, werden wir auch alle Stimmuebungen mit Leichtigkeit und zum besten Nutzen verfeinern.

Copyright © 2001 Prof. Sigrid Agocsi, Autorin von 'Kaleidoskop der Stimmbildung', 'Vocal Doctrine', ' Voice Initiation'.
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